Zum 15. Mal stehen sich Borussia Dortmund und Real Madrid am Samstag gegenüber, ausnahmslos in der UEFA Champions League. Wir haben uns acht Partien herausgepickt, die in ihrer Dramaturgie Gesprächsstoff boten, und über die teilweise heute noch gesprochen wird.

01.04.1998: Real Madrid – Borussia Dortmund 2:0 (Halbfinale)

Das erste von bisher 14 Duellen ging als eines der kuriosesten Ereignisse in die Geschichte des Fußballs ein. Der „Torfall von Madrid“ hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Als amtierender Champions-League-Sieger von 1997 musste der BVB im Halbfinal-Hinspiel der folgenden Saison im Estadio Santiago Bernabeu antreten. Während des Aufwärmens kletterten rund 50 Real-Fans auf den Schutzzaun hinter einem der Tore. Dieser knickte wegen der hohen Last zwei Minuten vor dem geplanten Anpfiff ein und riss das daran befestigte Fußball-Tor mit. Es dauerte 75 Minuten, bis vom Trainingsgelände ein portables Gehäuse herbeigeschafft war. Währenddessen übte die UEFA großen Druck auf den BVB aus, drohte mit einer 0:3-Wertung, einer Geldstrafe von 500.000 D-Mark, dem Ausschluss aus dem laufenden Wettbewerb und weiterer Sanktionen, sollte sich die Mannschaft weigern anzutreten. 

Ohne den gesperrten Wolfgang Feiersinger und ohne die verletzten Andreas Möller, Jörg Heinrich und Jürgen Kohler verkaufte sich die entnervte Dortmunder „Notgemeinschaft“ recht ordentlich. Individuelle Fehler vor beiden Gegentreffern durch Vladimir But und Knut Reinhardt führten zu einer 0:2-Niederlage, die im Rückspiel – ein maues 0:0 – nicht mehr revidiert werden konnte. Real kam übrigens glimpflich davon. 60.000 Mark betrug die Geldstrafe für das Fehlverhalten der Fans, hinzu kam eine Platzsperre von zwei Europapokalheimspielen, die später auf eine Partie reduziert wurde. 1,2 Millionen Mark musste Real zudem zahlen, weil 15.000 Eintrittskarten zu viel verkauft worden waren. Zugelassen waren 70.000 Fans, nicht 85.000.

19.02.2003: Real Madrid– Borussia Dortmund 2:1 (Gruppenphase)

65.000 Zuschauer berauschten sich an Reals unglaublich starker Offensivmaschinerie, die durch Rául (43.) und Ronaldo (55.) zwei Tore beisteuerte, und sie ängstigten sich zugleich vor einem mutigen BVB, der durch Jan Koller sogar mit 1:0 in Führung gegangen war, in den letzten 20 Minuten vehement, aber vergeblich auf den Ausgleich drückte. Real spielte fantastischen Fußball gegen eine Borussia, die in ihrem 50. Champions- und gleichzeitig 150. Europapokalspiel der Vereinsgeschichte mutig nach vorne agierte (53% Ballbesitz in Halbzeit zwei) und großen Anteil an diesem tollen Fußball-Abend hatte. Doch die Punkte blieben in Madrid. 

25.02.2003: Borussia Dortmund – Real Madrid 1:1 (Gruppenphase)

So unglücklich der Ausgang auch war mit Madrids Ausgleich in der zweiten Minute der Nachspielzeit, so gerecht war letztlich das Endergebnis. Hatte Borussia Dortmund eine Stunde lang gegen das Starensemble nicht nur mitgehalten, sondern auch eigene Akzente gesetzt und war durch Koller verdientermaßen in Führung gegangen, war das „dritte Drittel“ ein ununterbrochenes Powerplay des Titelverteidigers. Die Partie reduzierte sich auf das Duell „Jens Lehmann gegen Ronaldo“. Bis zur 90. Minute hoffte Fußball-Dortmund auf ein Happy End, doch dann zerstörten eine Unaufmerksamkeit im Deckungsverhalten und als Vollstrecker der Sekunden zuvor eingewechselte Portillo jäh alle Träume. „Es war eine absolut fesselnde Angelegenheit. Man muss weder Fan von Borussia Dortmund noch von Real Madrid sein, um Spaß gehabt zu haben an diesem tollen Spiel“, bemerkte der damalige DFB-Teamchef Rudi Völler.

Das Drama nahm seinen Lauf in dem Moment, als die Stadionuhr „90:00“ anzeigte. In jenem Moment hob der herausragende Dede, der Weltklassemann Luis Figo beherrscht hatte, den linken Arm, signalisierte kurz darauf: „Auswechseln!“ Ein Krampf. Stürmer Giuseppe Reina musste nun hinten links aushelfen und leistete sich einen Stellungsfehler, nachdem Amoroso vorne an Salgado hängen geblieben war. Der Spanier schlug einen langen Pass auf Zidane, der auf Dortmunds linker Abwehrseite blank stand; Flanke in den Strafraum, Koller kam gegen Portillo zu spät, und der gerade 20 Jahre junge Angreifer Portillo traf zum 1:1. Die Uhr zeigte 91:01. 

24.10.2012: Borussia Dortmund – Real Madrid 2:1 (Gruppenphase)

Im fünften Duell mit Real feierte Borussia den ersten Sieg. „This is the group. The other groups are a joke“ – „Das ist die Gruppe. Die anderen Gruppen sind ein Witz”, hatte Reals Trainer José Mourinho vor der Partie geäußert, denn vier amtierende Landesmeister aus vier Topligen (Spanien, England mit Manchester City, Deutschland sowie die Niederlande mit Ajax Amsterdam) waren zusammengelost worden. In dieser Konstellation wuchs der BVB über sich hinaus und agierte abgeklärt. Er gab 15 Torschüsse ab, Real 14. Aber: Die Schwarzgelben brachten den Ball dabei zehn Mal auf das Tor von Iker Casillas, das „weiße Ballett“ prüfte Roman Weidenfeller nur fünf Mal. Madrid hatte anfänglich 60 Prozent Ballbesitz, nach 90 Minuten waren es 55. „Wir wollten auf Augenhöhe sein. Das ist uns gelungen. Wir waren teilweise dominant“, meinte Neven Subotic: „Wichtig war, dass wir in der Defensive da waren. Wir haben geackert und sind viel gelaufen.“ Insgesamt 123,6 Kilometer – zehn mehr als die Spieler von Real Madrid zurücklegten (113,4). Als Schiedsrichter Kassai nach mehr als drei Minuten Nachspielzeit abpfiff, kannte der Jubel keine Grenzen. Vor 65.829 Zuschauern war der BVB nach 35 Minuten durch Robert Lewandowski in Führung gegangen, nur zwei Minuten später hatte Cristiano Ronaldo zum 1:1-Halbzeitstand ausgeglichen. Schwarzgelb aber ließ nicht locker. Marcel Schmelzer schoss in der 64. Minute zum 2:1-Sieg ein, der zum Schluss mit Mann und Maus verteidigt wurde.

06.11.2012: Real Madrid – BVB 2:2 (Gruppenphase)

Das altehrwürdige Estadio Santiago Bernabeu verneigte sich nach einem atemberaubenden 2:2 vor den Heroen aus Dortmund, und Real-Trainer Mourinho meinte beeindruckt: „Für uns geht es jetzt darum weiterzukommen. Auch Platz zwei ist okay.“ Zu Beginn des zweiten Durchgangs führte der BVB durch Tore von Marco Reus und Arbeloa, der im Zweikampf mit Mario Götze („Ich wollte den Ball mitnehmen, aber er ist mir zuvorgekommen und hat ihn dann netterweise reingemacht – wer weiß, wo ich ihn hin geschossen hätte...“) ins eigene Tor traf, mit 2:1. Was folgte, war eine Abwehrschlacht. Den Sieg rettete Schwarzgelb nicht über die Zeit, weil Mesut Özil ihn kurz vor Schluss mit einem raffinierten Freistoß verhinderte. Das 2:2 war aber auch das faire Ergebnis. Eine Niederlage hätte keines der beiden Teams verdient gehabt. Jürgen Klopp: „Es war ein großes Spiel gegen einen großen Gegner in einer fantastischen Atmosphäre. Was unsere Fans abgeliefert haben, verursacht in zehn Jahren noch Gänsehaut.“

24.04.2013: Borussia Dortmund – Real Madrid 4:1 (Halbfinale)

Schwarzgelb spielte konzentriert und couragiert, wenn sich die Gelegenheit ergab. Nach sieben Minuten eroberte Sven Bender den Ball, leitete weiter zu Marco Reus, der einfach mal schoss. Der Torwart ließ den Ball abprallen, aber Mario Götze kam nicht mehr an den Abpraller dran. Doch wenig später durften die Fans laut jubeln. Götze flankte präzise zu Robert Lewandowski, der den Fuß hinhielt und zum 1:0 traf (8.). Auf der anderen Seite parierte Roman Weidenfeller einen Schuss von Weltklasse-Fußballer Cristiano Ronaldo. Jakub Blaszczykowski (32.) und Reus (42.) hatten weitere gute Chancen. Doch Letzterer wurde bei seiner Annäherung zum Tor im Strafraum von den Beinen geholt, Elfmeter gab es aber nicht. Stattdessen glich Real Madrid fast umgehend durch Cristiano Ronaldo aus. Mats Hummels hatte zuvor den Ball unglücklich verloren – nur noch 1:1 (43.).

Doch die Schwarzgelben ließen sich nicht beirren und kamen spielfreudig aus der Kabine. Götze köpfte den Ball zu Marco Reus, der zielte aufs Tor, Lewandowski stoppte den Ball, drehte sich und schoss ins Tor (50.). Dann versuchte sich Marcel Schmelzer mit einem Schuss, der landete zwar nicht im Tor, aber vor den Füßen von Lewandowski, der den Ball sehenswert im Tor unterbrachte – 3:1 (55.). Ilkay Gündogan hätte das Ergebnis sogar schon in der 62. Minute weiter in die Höhe schrauben können – sein Schuss wurde aber gehalten (62.). Für das 4:1 sorgte deshalb wieder Lewandowski. Nach einem Foul an Reus gab‘s nun also doch Strafstoß, Lewandowski trat an und verwandelte sicher – 4:1 (67.). 

30.04.2013: Real Madrid – Borussia Dortmund 2:0 (Halbfinale)

79.429 Zuschauer im ausverkauften Estadio Santiago Bernabeu, darunter rund 7.000 BVB-Fans, sahen in der ersten Viertelstunde einen Sturmlauf der Gastgeber. Weidenfeller wuchs über sich hinaus, verhinderte mehrfach einen möglichen Rückstand, ehe sich Borussia Mitte der ersten Halbzeit etwas befreien konnte und im zweiten Durchgang vier Riesenchancen hatte, selbst in Führung zu gehen. Doch dann sorgten Benzema (82.) und Ramos (88.) mit ihren Treffern für eine Schlussphase, die nichts für schwache Nerven war – ein drittes Tor, und Real hätte Borussia den Traum von Wembley entrissen. Nach 96:06 Minuten beendete Schiedsrichter Howard Webb das Zittern. 

08.04.2014: Borussia Dortmund – Real Madrid 2:0 (Viertelfinale)

Eine stark ersatzgeschwächte BVB-Elf spielt auf, als gäbe es kein Morgen. Als „Blaupause für alle Mannschaften, die ein 0:3 aufzuholen haben“, bezeichnete Jürgen Klopp den Auftritt seines Teams, das nach gut einer halben Stunde durch zwei Reus-Tore zwei Drittel der 0:3-Hypothek aus dem Hinspiel abgetragen hatte. „Wir haben Real Madrid an den Rand des Abgrundes geschoben, aber leider nicht heruntergestoßen“, meinte ein stolzer wie trauriger Hans-Joachim Watzke. Borussia Dortmunds 100. Sieg im Europapokal bot keinen Anlass zum Feiern. Trotz einer fabelhaften Vorstellung und eines 2:0-Erfolges über Real Madrid schied der Champions-League-Finalist des Vorjahres im Viertelfinale aus. Dabei gab es Chancen zuhauf. „Das war eine der fantastischsten Atmosphären, die ich je erleben durfte“, bedankte sich Mats Hummels bei den Zuschauern: „Wir haben einen Abend hingelegt, also das Publikum und die Mannschaft, den man nicht so schnell vergisst. Wir hatten dadurch die Chance, an einem der größten Wunder in der Fußball-Geschichte zu arbeiten.“
Boris Rupert